Was für viele österreichische Endkunden noch nach (oft schauriger) Zukunftsmusik klingt, ist für unsereins Alltag: Ich fahre gerade ein Testauto von Xpeng, kenne die aktuellen Fahrzeuge von BYD, MG etc., spreche mit Händlern und Importeuren von Marken, die sich noch nicht im österreichischen Alltag etabliert haben: So durfte ich für diese Ausgabe beim Österreich-Start von Chery Tiggo dabei sein und mit Annelies Reiss die Verantwortliche für den bevorstehenden Launch der Marke Geely zum Interview begrüßen.

Und das Engagement Chinas beschränkt sich keinesfalls auf Fahrzeuge: Auf der Reifenleitmesse „The Tire Cologne“ nehmen die Reifenhersteller aus der mittlerweile zweitgrößten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt selbstbewusst jene großen Flächen in Beschlag, welche bekanntere Marken links liegenlassen. Ein erster Bericht von der „Tire“ steht in diesem Heft auf Seite 28, ehe wir im REIFEN-Spezial in der Juli-Ausgabe die Details aus Köln für Sie ausbreiten.

Ich nehme im beruflichen wie im privaten Umfeld wahr: Die China-Debatte wogt hin und her. Zwischen der großen Katastrophe und einer neuen China-Romantik werden viele Szenarien beschworen. Bricht der Untergang über Europa herein, das von der eigenen Trägheit zur Armut verdammt wird? Ersetzen Stuhl-Tai-Chi als Fitnesstrend und TikTok als Leitmedium unsere bisherigen, von Trump in die Tonne getretenen positiven Amerika-Klischees? Kommt statt des „American“ jetzt der „Chinese Dream“?

Mir fallen chinesische Automodelle als digital zwar überkomplett, aber keinesfalls haushoch überlegen auf. Aber die Modelle werden europäischer, was Design und Ausstattung betrifft. Eines haben die Hersteller längst begriffen: Ohne Händler, welche in der Region vertrauensbildend wirken, geht es nicht.

Und ich sehe, dass die Europäer die Herausforderung angenommen haben und den Wettbewerb nicht länger verweigern, selbst wenn gleichzeitig weiterhin an vielen Lobby-Fronten für das Althergebrachte, etwa den Verbrenner, gekämpft wird. Sicherlich macht man es sich zu leicht, wenn man uns Europäern vorwirft, die Entwicklung – ob aus kurzsichtigem Traditionsbewusstsein oder bornierter Ablehnung des Neuen – verschlafen zu haben. Wenn man oben steht und ein Erfolgsmodell über Jahrzehnte betreibt, fällt es schwerer, sich zu verändern, als wenn man ganz von vorn anfängt.

China ist unzweifelhaft in aller Munde – und wird ernst genommen. In diesem Heft haben wir der „China-Power“ eine große Fokusstrecke der Frage gewidmet, inwieweit das chinesische Engagement in Europa uns allen Grund zur Besorgnis sein muss. Die Beiträge von Experten gehen in die Tiefe und beleuchten verschiedenste Facetten, und auch die Händlerumfrage zeigt ein differenziertes und pragmatisches Bild – wie es von Unternehmern zu erwarten ist.