Wird uns China überrollen? Diese Frage stellt sich derzeit ganz besonders für die europäische Autoindustrie. Das Thema China beschäftigt aber auch Autohäuser und Werkstätten in Österreich. Wir haben den Sinologen Univ.-Prof. Dr. Christian -Göbel, M.A., von der Universität Wien befragt, um China besser zu verstehen.
Das Bild vom unterdrückten Menschen, das wir in Europa oft sehen, gibt es laut Göbel so nicht: „Dass Menschen in ihrem täglichen Leben unterdrückt werden, stimmt so nicht.“ Gleichzeitig verweist er klar auf die politische Realität: „China hat das weltweit am meisten ausgebaute Überwachungssystem und einen Repressionsapparat. Widerstand wird unterdrückt, Gegner werden weggesperrt.“ Die Regierung versuche dennoch nicht, über Zwang, sondern über Zustimmung zu regieren. „Man kann 1,4 Milliarden Menschen nicht nur unterdrücken“, so Göbel.
Hoher Druck im Arbeitsleben
Beim Arbeitseinsatz sieht Göbel den Unterschied vor allem im größeren Druck. „Der Druck ist hoch, die Fehlertoleranz niedrig. Und das wird immer stärker.“ In manchen Bereichen seien die Arbeitsbedingungen sehr schlecht, das Grundgehalt niedrig. Vieles laufe über Wettbewerb und Prämien.
Dabei muss man differenzieren: „Es gibt viele Angestellte mit Uni-Ausbildung, aber auch hier gibt es unterschiedliche Standards und Uni-Levels.“ Dazu kommt ein großer Unterschied zwischen Angestellten und Arbeitern, weil Letztere immer mehr durch Automatisierung ersetzt werden. „Der Einsatz von Robotern ist viel stärker als hier. Es gibt einen Kampf um Jobs zwischen Arbeitern und Robotern“, berichtet Göbel. Wer händisch arbeitet, muss mit der hohen Geschwindigkeit mithalten.
Schwaches soziales Netz
Ein wesentlicher Faktor ist für Göbel das Sozialsystem. „Das ist nicht vergleichbar mit unserem“, sagt er. Eine alternde Gesellschaft, mangelnde Alters- und Gesundheitsvorsorge und der Kampf um Jobs führen dazu, dass Arbeitnehmer bei Arbeitsbedingungen oft weniger Wahl haben. „Aber natürlich kann jeder Mitarbeiter auch kündigen“, sagt Göbel.
Eine ganz wesentliche Rolle spielt die staatliche Planung. Staat, Provinz und Stadt bekommen Vorgaben. Das Bruttoinlandsprodukt wird anders behandelt als in Europa. „Das BIP wird in China nicht wie bei uns auf Grundlage dessen berechnet, was konsumiert und produziert wird, sondern es wird vorgegeben“, sagt Göbel. Wenn die Vorgabe fünf Prozent lautet, wächst es auch fünf Prozent.
Diese Steigerungen werden auch dadurch erreicht, dass die Regierung selbst Konsument ist oder investiert. „Der Staat kauft ein“, sagt Göbel. Öffentliche Ausschreibungen und staatlicher Konsum spielen dabei eine große Rolle.
Lokale Finanzierungsvehikel
Eine wichtige Rolle spielen laut Göbel Local Govern-ment Financial Vehicles, eine Mischung aus staatlichen und privaten Unternehmen in den Provinzen. Sie übernehmen öffentliche Leistungen, sind aber auch Investmentgesellschaften, etwa bei Immobilien oder Start-ups. „Früher war das die Solarindustrie, jetzt ist es die Elektromobilität“, so Göbel. Über diese Modelle subventionieren die Provinzen ihre Unternehmen und stehen damit im Wettbewerb zu anderen Regionen.
„Das System wurde nach 2008 stark. Weil Regierungen in China keine Schulden aufnehmen durften, brauchen sie solche Modelle, um indirekt Schulden aufzunehmen. Land wurde an diese Gesellschaften verkauft und dieser Transfer diente der Finanzierung“, erklärt Göbel. Heute sei die Lage schwieriger. „Die Situation ist ziemlich extrem“, sagt Göbel. „Immer weniger Geld, immer mehr Druck, immer höhere Anforderungen.“
Die Verschuldung der Lokalregierungen ist dabei gestiegen. „12 von 33 Provinzen sind Hochrisikoprovinzen“, so Göbel. Es gibt einen Kampf um knappe Mittel. Dazu komme der Einbruch bei Land- und Immobilienmärkten. „Niemand weiß genau, wie es weitergeht“, berichtet Göbel. Ein plötzliches Platzen der Blase sieht er aber nicht.
Produktentwicklung statt Grundlagenforschung
Vor 20 Jahren hat man China oft anders wahrgenommen: „Bequem, wenig Aktivitäten, Qualität als Problem. Das hat sich geändert“, meint Göbel. -Entscheidend ist das System.
Investitionen in Forschung und Entwicklung spielen eine große Rolle, allerdings mit einem klaren Fokus. „Diese Investitionen gehen in die Produktentwicklung, nicht in die Grundlagenforschung“, weiß Göbel. Für die Autoindustrie ist das zentral. „Das ist ein sehr, sehr wichtiger Faktor, vielleicht der wichtigste Faktor, warum die Autoindustrie so kompetitiv werden konnte.“ Noch 2019 habe es hunderte Hersteller in China gegeben, von denen in Europa kaum -jemand eine Marke nennen konnte.
Zusammenarbeit braucht Fachleute
In der Zusammenarbeit warnt Göbel vor Stereotypen. „DEN Chinesen gibt es nicht. Es kommt darauf an, mit wem man es zu tun hat.“ Wichtig ist das Verständnis. „Es wäre wichtig, Fachleute vor Ort zu haben“, sagt Göbel. Österreichische und deutsche Unternehmen bräuchten Leute, die Chinesisch sprechen.
Auch Konflikte werden anders behandelt. „Das gefällt mir nicht, wird nicht gesagt, sondern über Dritte gemacht“, erklärt Göbel. Konflikte auf partnerschaftlicher Ebene werden eher vermieden. Auf persönliche Beziehungen allein sollte man sich aber nicht verlassen. „Kontinuität aus zwischenmenschlichen Verhältnissen ableiten zu wollen, wird nicht funktionieren.“
Nicht einfacher Wettbewerb
China ist nicht einfach nur ein Markt mit anderen Herstellern. Die Regierung denkt langfristig, Unternehmer aber sehr kurzfristig. „In China wird aufgrund der Situation und des hohen Drucks viel kurzfristiger gedacht“, beschreibt Göbel. Wenn es Möglichkeiten für Gewinne gibt, würden diese genutzt. „Die Entwicklung der chinesischen Autoindustrie ist ein Ergebnis von Druck, Wettbewerb, staatlicher Strategie und einem besonderen wirtschaftlichen System“, fasst Göbel zusammen.
Die Regierung findet es gut, wenn Unternehmen im Ausland erfolgreich sind, solange sie ihre Zentrale in China haben. „Für Europa stellt sich damit eine Abhängigkeitsfrage“, weiß Göbel. Denn die Regierung hat direkten Durchgriff auf die Unternehmen des Landes. „Wenn der chinesische Staat etwa der Meinung ist, chinesische Autohersteller sollen in Europa nicht mehr präsent sein, dann wird das so passieren.“ Man wird es berechnen und bewerten, aber wenn es politisch notwendig ist, wird man es tun.
