Im letzten ÖL & Wirtschaft haben wir darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den Unterschied zwischen den Aussagen „freigegeben“, „empfohlen“ oder „geeignet“ zu verstehen. Verlagsleiter Gerald Weiss hat mir dann in seiner entwaffnenden Art eine nur scheinbar einfache Aufgabe für diese Ausgabe des Öl-Specials gestellt: „Martin, schreib doch einfach, was eine Werkstätte so braucht, um den Markt abzudecken.“ Ich gestehe, dieser Artikel wird möglicherweise nicht die zu 100 % befriedigende kurze Antwort geben. Ich werde aber versuchen, den Verantwortlichen in den Werkstätten einen Leitfaden zu geben, wie man diese Frage angeht.
Die richtige Motoröl-Spezifikation ist längst kein Randthema mehr, sondern eine Kernfrage jeder professionellen Wartung. Noch wichtiger als die Viskosität allein ist dabei die tatsächliche Herstellerfreigabe. Gerade für freie Werkstätten und Mehrmarkenbetriebe wird die Frage, welche Öle man vorrätig haben sollte, damit zur strategischen Entscheidung zwischen technischer Sicherheit, Lagerhaltung und wirtschaftlicher Vernunft.
Einfache Antwort für die Markenbetriebe
Für eine reine Markenwerkstätte ist die Lage vergleichsweise überschaubar. Die Herstellervorgaben sind bekannt, werden in Schulungen vermittelt und lassen sich über die jeweiligen Herstellerportale oder Serviceunterlagen eindeutig zuordnen. Auch die Fahrzeuge, die man zur Wartung erwarten kann, sind mehr oder weniger bekannt. Mit einer Hand voll Produkten lässt sich dort meist bereits eine sehr gute Abdeckung der betreuten Fahrzeugflotte erzielen: ein Produkt im Tank sowie einige weitere Öle im Fass oder Kleingebinde.
Spannend wird es dort, wo Fahrzeuge vieler Hersteller zur Wartung hereinkommen: in Mehrmarkenbetrieben und vor allem in den freien Werkstätten. Hier scheint die Aufgabe auf den ersten Blick beinahe unlösbar. Wer einen vollständigen Überblick über alle heute relevanten Öl-Spezifikationen geben wollte, müsste eher ein Fachbuch schreiben als einen kurzen Artikel. Trotzdem lässt sich das Thema strukturieren, wenn man den österreichischen Fahrzeugbestand nach Herstellergruppen, technischen Plattformen und typischen Motorölfreigabefamilien betrachtet.
Hilfreicher Blick auf den Fahrzeugbestand
Ein Blick auf den österreichischen Fahrzeugbestand hilft bei der Einordnung. Laut Statistik Austria waren Ende 2025 rund 5,29 Millionen Pkw in Österreich zugelassen. Die zehn wichtigsten Marken vereinten dabei 68,5 % des Bestands auf sich. Die dominante VW-Gruppe (VW, Audi, Škoda, Seat, Cupra) hat
39 % Anteil an der Fahrzeugflotte.
Für die Werkstatt ist das eine gute Nachricht. Die VW-Spezifikationen bilden in Europa einen zentralen Block, weil sie nicht nur für Volkswagen selbst, sondern auch für Audi, Škoda und Seat relevant sind. Aktuelle Freigaben wie VW 504 00 und VW 507 00 decken viele moderne Benzin- und Dieselmotoren mit Longlife-Service ab. Neuere Anforderungen wie VW 508 00 und 509 00 betreffen vor allem moderne 0W-20-Anwendungen und sind nur zum Teil rückwärtskompatibel. Zugleich bauen die VW Vorschriften technisch auf allgemeinen Leistungsklassen wie ACEA auf, erweitern sie aber um eigene Prüfungen und Freigabeverfahren.
Gerade diese ACEA-Basis schafft in der Praxis gute Überschneidungen. Viele asiatische Hersteller – insbesondere japanische und koreanische Marken – arbeiten je nach Motorenkonzept mit Anforderungen, die sich über ACEA, API und ILSAC annähern oder teilweise überschneiden. Das bedeutet nicht, dass jede europäische Freigabe automatisch passt. Es bedeutet aber, dass man mit Produkten, die die oben genannten VW-Freigaben abdecken, einen deutlich größeren Teil der realen Fahrzeugflotte abdecken kann, als man zunächst vermuten würde.
ACEA-Spezifikationen bilden die Basis
Ähnlich sind die Spezifikationen der anderen europäischen Marken aufgebaut. Die ACEA-Spezifikationen bilden die Basis, und markenrelevante Anforderungen werden durch zusätzliche Motoren-, Prüfstands- und Labortests abgeprüft. Das gilt für die BMW LL-Freigaben, die Mercedes-Benz mit MB-Freigaben, Ford mit den WSS-Spezifikationen und Renault mit RN-Freigaben sowie für Stellantis, Porsche, Jaguar Land Rover und Volvo.
Für die Werkstattpraxis ist entscheidend: Es gibt Überschneidungen, aber keine pauschale Austauschbarkeit. Manche Produkte decken mehrere Hersteller gleichzeitig ab, andere sind bewusst sehr spezifisch formuliert. So haben z. B. in Österreich tätige Schmiermittelanbieter schon Produkte, welche die letzten 0W-20 Vorschriften von VW, MB und BMW gleichzeitig erfüllen: Das ist natürlich ein
großer Vorteil bei der Lagerhaltung.
Historische Vielfalt bei Stellantis
Besonders interessant ist die Stellantis-Gruppe. Hier muss man schon etwas genauer hinsehen. Zahlreiche Marken unter einem Dach, darunter Opel, Peugeot, Citroën, Fiat, Jeep und Alfa Romeo, und viele noch gültige Ölspezifikationen (PSA-, Fiat- oder Opel-/GM-Vorschriften) für ältere Fahrzeuge, die noch aus der Zeit vor der Konzernfusion stammen, machen einen genauen Blick ins Handbuch oder in die Herstellerdatenbank unverzichtbar. Bei neueren Plattformen steigt die technische Vereinheitlichung und mit der Motorölspezifikationsfamilie FPW 9.5535-xx ist man bei Stellantis auf einem guten Weg, das Thema zu vereinfachen. Aber auch hier gilt: genau prüfen, was nach den Bindestrichen steht. Das xx kann für 01, 02, 03 …, DH1 und für verschiedene Anwendungsfälle stehen.
Wo findet man die Angaben?
Damit sind wir bei der wichtigsten Praxisfrage angekommen: Wo finde ich die korrekte Öl-Vorschrift für ein unbekanntes Fahrzeug? Die erste Quelle bleibt immer das Fahrzeughandbuch bzw. Serviceunterlagen, die wir in der Werkstätte vorrätig haben. Die nächste Quelle können Ersatzteil- und Informationsprogramme sein, bei denen man die VIN eingibt und die Ölspezifikation oder gleich ein konkretes Produkt angezeigt wird.
Eigene Internetportale
Viele Automobilhersteller haben eigene Internetportale, über die Werkstätten fahrzeugspezifisch die erforderlichen Informationen abrufen können. Für diese Portale können sich in der Regel nur Betriebe anmelden, die Wartungen an Fahrzeugen durchführen. Manche Informationen sind gratis zugänglich, für mehr Information ist oft eine Gebühr zu entrichten. Die „Erwin“-Seiten des VW-Konzerns oder das „Independent Operator Portal“ von Stellantis seien hier als Beispiele genannt.
Mercedes and Mercedes Trucks gehen bei den Betriebsstoffen einen sehr werkstatt- und kundenfreundlichen Weg: Die Information bzgl. Betriebsstoffen ist im Internet frei zugänglich: Die Seite zeigt die verschiedenen Betriebsstoffe, Freigabelisten und eine Liste von Motoren und zughörigen Motorölspezifikationen. Besser kann man das nicht aufbereiten und damit stellt Mercedes sicher, dass jeder, der an einem Mercedes-Fahrzeug arbeitet, die Möglichkeit hat, sich über das richtige Motoröl zu informieren. Diese Seiten sind auch immer aktuell. So findet man selbst das Getriebeöl für den neuen vollelektrischen CLA schon auf den Mercedes Betriebsstofflisten.
Zwischen Informationen und Annahmen
Bei der Recherche trennt sich die saubere Arbeit von gefährlichen Annahmen oder Stammtischinformationen. Eine passende SAE-Viskosität oder Vertrauen in ein bestimmtes Motoröl allein reichen nicht aus, wenn die geforderte Spezifikation nicht erfüllt wird. Die fahrzeugspezifische Prüfung ist Pflicht – besonders bei neueren Motorengenerationen, bei Hybrid-anwendungen und bei Fahrzeugen mit komplexer Abgasnachbehandlung. Selbst nach 30 Jahren im Geschäft würde ich aus dem Stegreif keine Aussage zu einem Fahrzeug machen, ohne mich vorher genau darüber informiert zu haben.
Fazit: eigene Produkstrategie aufbauen
Das Fazit für die Werkstätten und hier besonders für die Mehrmarkenbetriebe und freien Werkstätten lautet daher nicht, möglichst viele exotische Öle auf Lager zu legen, sondern die eigene Produktstrategie intelligent aufzubauen.
Eine starke Basis mit wenigen, breit einsetzbaren Produkten für die großen Herstellergruppen sowie – im jeweiligen Betrieb – gängige Kundengruppen, ergänzt um einige Spezialprodukte für Fahrzeug-Typen, von denen man weiß, dass sie regelmäßig in die Werkstätte kommen: Das ist in der Praxis meist der wirtschaftlich sinnvollste Weg.
Diese eigene Produktstrategie gilt es, mit dem Lieferanten aufzubauen und regelmäßig nachzuschärfen. Ich würde vorschlagen, 2 bis 4 Mal pro Jahr sollte man der Sache etwas Zeit widmen. Was wurde gut verkauft, was bleibt übrig, welche neuen Produkte gibt es? Ich bin sicher, die vorgestellten Marktteilnehmer in diesem Heft werden den Werkstätten dabei gerne behilflich sein. •
