A&W: Wie konnte China die europäische Autoindustrie so rasch überholen?

Henrik Bork: Das ist eine gute Frage, denn dasselbe Muster wiederholt sich ja auch in anderen Industrien. In den westlichen Medien wird hier oft von Subventionen der chinesischen Regierung, von Planwirtschaft und neuerdings auch viel von „Überkapazitäten“ geschrieben. All das gibt es, ist aber meiner Beobachtung nach nicht entscheidend. Für wichtiger halte ich ganz andere Faktoren. In China denkt und plant man langfristig und sehr „holistisch“, also in Zusammenhängen. Man sieht die Notwendigkeit erneuerbarer Energien für den Klimaschutz und gleichzeitig die neue Disruption durch Künstliche Intelligenz und richtet die gesamte Volkswirtschaft danach aus. So wachsen erst die Ökosysteme, in denen E-Mobilität und neue Konzepte wie Flugtaxen und Frachtdrohnen überhaupt eine Chance haben. 
Private chinesische Unternehmen wie BYD oder Li Auto bauen inzwischen bessere und günstigere --Autos als alle europäischen Konkurrenten. Auch beim intelligenten und vernetzten Fahren sowie neuerdings beim KI-definierten Fahren hat die chinesische Industrie die europäische inzwischen abgehängt.

Kann Europa noch aufholen oder wird der Abstand durch „China Speed“ sogar noch größer?

Bork: Das Aufholen wird immer schwerer, insbesondere durch das hohe Tempo, mit dem in China gerade die KI in allen Bereichen der Autoindustrie verankert wird, vom Design über die Produktionslinien bis hin zu KI-Weltmodellen für autonome Fahrfunktionen. Während Europa noch versucht, beim elektrischen und intelligenten Fahren aufzuschließen, ist China schon wieder einen Schritt weiter.

Wie wird sich die chinesische Autoindustrie im derzeitigen starken Wettbewerb entwickeln und welche Auswirkungen wird das auf Europa haben?

Bork: Der chinesische Automarkt ist zum globalen Leitmarkt für innovative Produkte und Mobilitätslösungen geworden. Die Trends, die hier geboren werden, kommen früher oder später auch nach Europa. Dies neidlos anzuerkennen und die chinesische Industrie sehr genau zu beobachten, ist der erste Schritt zur Wahrung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit.

Liegt die Lösung in der Kooperation? Sind die chinesischen Hersteller überhaupt daran interessiert?

Bork: Es gibt keinen anderen Weg mehr als intensive Kooperationen mit chinesischen Technologieführern. Die führenden europäischen Autobauer gehen daher auch diesen Weg, etwa VW mit Xpeng und Horizon Robotics, Stellantis mit Leapmotor, Audi mit SAIC. In Politik und Medien mag derzeit eine große Chinaphobie herrschen, aber die Unternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt. Chinas Unternehmen sind interessiert, werden sich aber die Bedingungen nicht mehr vorschreiben lassen. 

Henrik Bork lebt seit mehr als 30 Jahren in Asien und leitet seit 2012 die Consulting- und Recherchefirma Asia Waypoint, die Unternehmen bei ihrem Chinageschäft berät.