Während Sommer- und Winterreifen leicht rückläufig sind, wächst das All-Season-Segment – von niedrigem Niveau – weiter. Bei den Herstellern hat der Ganzjahresreifen schon länger einen höheren Stellenwert, weil er in vielen Ländern längst ein Volumenmodell ist. Während viele österreichische Reifenfachbetriebe interessierten Konsumenten lange Zeit eher davon abgeraten haben, muss man sich diesem Thema in vielen Regionen nun aber stellen. Ein grundsätzliches Nein reicht längst nicht mehr. Viele Kunden kommen mit einer online oder durch KI eingeholten Einschätzung und sind von ihrer Entscheidung überzeugt. Umso wichtiger werden eine genaue Bedarfserhebung und die Beratung zum individuellen Fahrprofil. 

Kosten als Hauptgrund

Dabei stehen für den Kunden vor allem die Kosten im Vordergrund. Reifen sind – wie alles – teurer geworden, zugleich wachsen die Dimensionen. Wer das Fahrzeug wechselt, kann durch Dimensionen und Preissteigerungen mit doppelten Reifenkosten konfrontiert sein. Selbst wenn sich wegen des Verschleißes kein Reifensatz einsparen lässt – was manche Konsumenten aber vermuten – entfallen die Kosten für den zweiten Felgensatz, den saisonalen Wechsel und die Einlagerung, die aufgrund der Größe mittlerweile fast unumgänglich ist. Das ist in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ein gewichtiges Argument. Dazu kommt der Komfort, nicht regelmäßig in die Werkstätte fahren zu müssen. Mildere Winter und weniger Schnee verstärken die Entscheidung.

Hoffmann (GRS): starker Trend in Deutschland

„Besonders deutlich ist der Trend in Deutschland, wo Ganzjahresreifen bei einzelnen Händlern der GRS, speziell in Großstädten, teilweise bereits einen Anteil von über 50 Prozent erreichen“, berichtet Bernhard Hoffmann von GRS (HMI). Auch in Österreich gewinnt das Segment an Fahrt. „Die Produkte sind besser geworden, die Fahrleistungen haben sich seit Corona verändert“, so Hoffmann. Damit muss die Beratung stärker auf individuelle Bedürfnisse eingehen: „Spart der Kunde tatsächlich Geld? Deckt das Produkt seine Anforderungen wirklich ab? Manche Händler sehen darin eine Chance, andere haben regional bedingt weniger Anfragen“, erklärt Hoffmann.

Dorfner (Euromaster): Depots bleiben stabil

Auch Roland Dorfner von Euromaster registriert die Steigerungsraten bei All-Season-Reifen. „Bei der Auslastung der Reifendepots hat sich diese Entwicklung bislang allerdings nicht entsprechend niedergeschlagen“, so Dorfner. Offenbar lassen manche Kunden ihren Winterreifensatz zunächst eingelagert, manche kehren später auch wieder zur saisonalen Bereifung zurück. 

Dabei stellt sich für Dorfner auch die Frage, „ob bei den sehr hohen Temperaturen der zunehmend heißen Sommer ein Allwetter-Reifen noch ausreichend Sicherheit bietet“.

Peschek: 4-mm-Grenze beachten

„Vom Brenner im Winter bis zur Pannonischen Ebene im Sommer haben wir in Österreich Temperatur-Unterschiede wie kaum ein anderes Land“, gibt Michael Peschek-Tomasi, Geschäftsführer Reifen Partner, zu bedenken. „Die Anforderungen an die Gummimischungen sind enorm und die Sommer- bzw. Winterbereifung ist bei uns absolut gerechtfertigt.“ Wer doch einen All-Season bevorzugt, sollte darauf achten, dass dieser in Österreich bei unter 4 mm Profiltiefe nicht mehr als Winterreifen gilt, so Peschek-Tomasi.

Neue Kontaktpunkte schaffen

Entscheidet sich der Kunde für ein Ganzjahresprodukt, entfällt der regelmäßige Kundenkontakt, ohne Depot geht die Information über den Reifenzustand verloren. Die Betriebe sind gefordert, mit gut gewarteten Kundendaten in Kontakt zu bleiben und zu regelmäßigen Checks einzuladen.

Denn mit dem Wegfall des saisonalen Wechsels entfällt auch die regelmäßige, wichtige Kontrolle. Reifendruck, Verschleiß und mögliche einseitige Abnutzung müssen regelmäßig überprüft werden. Längere §57a-Intervalle verschärfen diese Aufgabe zusätzlich. Mit regelmäßigen Überprüfungen, etwa in Form von Frühjahrs- oder Winterchecks, kann der Zustand dokumentiert, der Bedarf eingeschätzt und der Kontakt aufrechterhalten werden.

Der Trend zu Ganzjahresreifen setzt sich in jedem Fall fort. Der Reifenhandel muss sich bei Beratung, aber auch beim Kundenkontakt darauf einstellen.